Astra-Werke AG - Dokumentation über einen Rüstungsbetrieb in Chemnitz während der NS-Zeit

1. Die Entwicklung der Astra-Werke AG bis 1939

Werk I Altchemnitzer Str. 41, Jetzt Sitz der Landesdirektion Sachsen (Foto:Industriemuseum Chemnitz)

1921 erfolgte die Firmengründung der Astra-Werke AG mit dem Ziel, in Deutschland eine Rechenmaschine mit einer Zehnertastatur auf den Markt zu bringen. Auch die Weltwirtschaftskrise brachte Entlassungen von Belegschaftsangehörigen. Trotz dieser problematischen Lage gelang es, 1933 eine Astra-Buchungsmaschine auf der Internationalen Büromaschinenausstellung in Berlin als ein Spitzenprodukt vorzustellen.

Astra Buchungs- und Rechenmaschine 1930 (Fotos Industriemuseum Chemnitz)

Die erfolgreiche Unternehmertätigkeit des Firmengründers Greve darf nicht darüber hinweg täuschen, dass sich die Firmenleitung sowie der Aufsichtsrat des Betriebes nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ab 1933 verhängnisvoll mit dem Regime arrangierte. Sie erhoffte sich verbesserte Bedingungen für den weiteren Ausbau der Fabrikanlagen, die Entwicklung von Buchungsmaschinen, die Erhöhung der Mitarbeiterzahlen und den Aufbau eines eigenen Vertriebssystems. Sie unterstützte die Stabilisierung des Nazi-Regimes durch eine Reihe von Sozialleistungen für die Mitarbeiter, beispielsweise die Zahlung von Weihnachtsgeld. 1933 bekannt sich der Betrieb durch die Ausgabe von Festanzügen zum „Tag der Arbeit“ .

1. Mai 1939 wurde in der Astra-Werke AG daraufhin eine neue Betriebsordnung im Sinne der Nazis eingeführt. Die Lehrwerkstatt erhielt neue Räume an der Annaberger Straße (Werk III). Nach dem Zukauf des Gebäudes an der Waplerstraße (Werk II) 1938 erfolgte der Einstieg in die Rüstungsproduktion. Dies war für die Aktionäre der Astra-Werke AG ein gewinnbringendes Geschäft.

Werk II, Waplerstraße, früher VEB Nadel- und Platienenfabrik, heute Industriebrache, Foto 2014: D. Wendler 

2 .Der Einstieg der Astra-Werke AG in das  Rüstungsgeschäft

Bis 1939 wuchs die Belegschaft auf 1653 Mitarbeiter an. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges kam die Firma der Forderung nach erhöhter Produktion von Rüstungsgütern nach. Über die sogenannten Rotzettel forderte die Astra-Werk AG beständig Arbeitskräfte an. Die Zuteilung von Arbeitskräften erfolgte in Abstimmung mit dem Arbeitsamt, der IHK und dem Wehramt IV. So gelangten Zwangs-, West- und Ostarbeiter, sowjetische Kriegsgefangene und ab Herbst 1944 auch KZ-Häftlingsfrauen als billige Arbeitskräfte in den Betrieb. Bis 1944 wuchs die Belegschaft auf 2658 Beschäftigte an.

 

Entwicklung der Belegschaft seit der Gründung der Astra-Werke AG

 

 

Jahr

Belegschaft

1922

45

1923

175

1928

407

1932 

166

1933

602

1944

2658 (1528 Deutsche)

Mai 1945

609

 (entnommen aus Astra-Warte, Jahrgang 4, Folge 1. Quelle:Industriemuseum Chemnitz)

 

 

 

Am 29. August 1936 verfügte Adolf Hitler, dass Unternehmen - bei Erfüllung besonderer Kriterien- mit dem Titel „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet werden konnten.

 

Sowohl "Betriebsführer" Greve als auch der Aufsichtsrat der Astra-Werke AG setzten alles daran die Produktivität und damit den Gewinn zu steigern Im jährlichen Kampf um ein Gau-Diplom gelang es der Betriebsleitung die Belegschaft (sogenannte Gefolgschaftsmitglieder) durch soziale Maßnahmen für hohe Leistungen zu motivieren. Es entstanden mit Hilfe des Betriebes Wohnungen, die "Astra-Siedlung", und Möglichkeiten der sportlichen sowie kulturellen Betätigung der Belegschaft.

Schließlich erhielt am 1. Mai 1944 die Astra-Werke AG den Titel „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“.

 

Gaudiplom, Quelle: Staatsarchiv Chemnitz, Bestand Astra-Werke AG

3. Der Einsatz von Zwangsarbeitern sicherte den Astra-Werken hohe Gewinne

Bereits 1942 setzte die Direktion der Astra-Werke AG bis zu 82 polnische Juden für Montagearbeiten von Addiermaschinen im Warschauer Ghetto, in der Smoczda 35, ein. Aus Reiseberichten leitender Mitarbeiter der Astra-Werke AG wird deutlich, welche Leiden und Qualen die polnischen Juden vor der Deportation in die Gaskammern durchleben mussten. Nicht selten holten die Meister Zwangsarbeiter von der Rampe, damit die tägliche Stückzahl an Maschinen gesichert werden konnte.

 

 

Für die Astra-Werke AG produzierten auch Belegschaften, deren Betriebe durch die ständigen "Auskämmaktionen" der IHK in der Textilindustrie mit Arbeitskräften und Räumen für die Rüstungsproduktion frei wurden. Auch die Patienten eines Lazarett, Häftlinge in den Strafanstalten, Gefängnis Hohe Straße auf dem Kaßberg in Chemnitz, Hoheneck (hier bis Anfang 1944) und dem Zuchthaus Waldheim stellten Teile für die Astra-Werke AG her.

Alles trug zur ständigen Steigerung der Produktion von Rechen- und Buchungsmaschinen sowie deren Absatz im In- und Ausland bei. Während des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion an Buchungsmaschinen immer weiter reduziert, so dass 1944 der Anteil an Rüstungsgütern auf über 80% an der Gesamtproduktion gesteigert wurde.

 Die Betriebsführung involviert sich dazu aktiv in Lenkungsausschüsse der Rüstungsindustrie (beispielsweise in der AG Panzerbetriebe bei Schönherr) des Reiches zur  Kriegsvorbereitung und Kriegsführung.

 

Kaßberg Gefängnis Chemnitz, Quelle: Images may be subject to copyright. Find out more

Gesamtumsatz 1944/45:

 

Werk I: 12 Mio. RM, davon 8,6 Mio. RM Rüstungsumsatz.

 

Werk II: ca. 6,9 Mio. RM nur Rüstungsumsatz.

 

Rüstungsprodukte waren:

Werk I:

Fertigung 10 - Dämpfungskreisel 127-B5 und 6 (Dessau)

Fertigung 101 - Rudermaschine 127-8401.S-1 (Richard)

Fertigung 15 - R-Rechner R 1.5.539.04 (Adlerprogramm des RLM)

 

Fertigung 20 - Steuerkreisel des Programm 8/344 des RLM

Fertigung 22 - Wendehorizont Pl.22 411 des RLM

Fertigung 25 - Femo-Motore (Adlerprogramm des RLM)

Fertigung 30 - Rudermaschine – Entwickler: AEG Berlin

Fertigung 40 - Gerätegruppen zum Kommandogerät 40 des OKH

Fertigung 50 - Bearbeitung von Bordgeräten, Auftraggeber O. Lorenz AG, Berlin-Tempelhof

Fertigung 81 - Fertigung von Flugzeugteilen, Auftraggeber: L.G. Dietrich, Altenburg

Fertigung 44 - Stanzteile für MP 44 – Auftraggeber: OK

Werk II:

 

Fertigung K 98 K = Hülsen/ Kammern/ Auszieher/ B Boden, von allen 4 Positionen jeweils monatlich

40 000 Stück!

 

Fertigung MP 44 = MP-Kammern, davon 35 000 Stück monatlich

 

In Vorbereitung war die Fertigung vom Volksgewehr!

Kopie Astra Warte (Betriebszeitung) privat. Archiv D. Wendler Quelle: Staatsarchiv Chemnitz, Bestand Astra Werke AG

Eine Auswahl des Schriftverkehrs der Astra-Werke AG mit der Rüstungswirtschaft, Quelle Bestand VEB  Buchungsmaschinenwerk im Staatsarchiv Chemnitz

Quelle: Staatsarchiv Chemnitz, Bestand VEB Buchungsmaschinenwerk

Der Buchungsbeleg zeigt, dass Extra-Gewinne mit Lehrlingen aber hauptsächlich mit Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen erzielt werden können.

Es ist nur die Abrechnung des Werk I.

 

Lehrlingsausbildung war im Werk III und die sowjetischen Kriegsgefangenen waren hauptsächlich im Werk II eingesetzt. Etwa die Hälfte der KZ-Häftlinge war im Werk I. Bei vorsichtigen Schätzungen kann man davon ausgehen, dass die 10-fache Gewinn-Anteil im Abrechnungszeitraum im gesamten Werk durch Zwangsarbeit erzielt wurde.

Die Belegschaft (ab 1940 gehörten dann West-, Ost- und Zwangsarbeitern, sowjetischen Kriegsgefangen, Häftlingsproduktion JVA, KZ-Häftlingsfrauen dazu) erwirtschafteten mehr Geld, das in die unterschiedlichsten Konten des Betriebes verbucht wurde. Der Verwendungszweck waren Spenden, soziale und kulturelle Leistungen bis hin zum Wohnungsbau (Astra-Siedlung an der Erdmannsdorfer-Straße), Tantieme, Vergütung AR, Rücklagen.

Es wurden in der Astra-Werke AG von 1942 - 1945 mehr als 500 sowjetische Kriegsgefangene und 623 Arbeiter aus Ost- und Westeuropa ausgebeutet, die meisten von ihnen waren Zwangsarbeiter. Selbst um ihren geringen Lohn wurden diese Ostarbeiter durch Einbehalten von Sparbeiträgen betrogen. Damit finanzierten sie auch noch den Zweiten Weltkrieg und den Terror der Nationalsozialisten. 

Ihre Unterbringung erfolgte in Barackenlagern links und rechts an der Annaberger Straße/Ecke Metznerstraße (heute Heinrich-Lorenz-Straße), dem Gelände der Werke II und III, im Barackenlager auf dem Pfarrhübel  und im Gasthof Markersdorf. West- und Ostarbeiter und die sowjetischen Kriegsgefangenen waren streng getrennt untergebracht.

Am 15.1.1946 haben die Betriebe der Stadt Chemnitz die ausländischen Arbeitskräfte nach Herkunftsländern geordnet an die Stadt gemeldet. Die Astra Werke wiesen insgesamt 1.125 Personen aus. Diese Zahl fasst zusammen, wie viele Ost- und Westarbeiter sowie KZ-Häftlinge in dem Unternehmen seit Kriegsbeginn Zwangsarbeit verrichtet haben, enthält jedoch keine sowjetischen Kriegsgefangenen.

4. Die Anforderung und der Einsatz von Häftlingen des KZ Flossenbürg in den Astra-Werken AG

Ab Mitte August 1944 wurden Vorbereitungen getroffen ein KZ Außenlager zu errichten, um den Bedarf an Arbeitskräften zu entsprechen

 

 Für die Zuweisung von KZ-Häftlingen war für den Betrieb u.a. hilfreich:

1. Der Betrieb war am 1. Mai 1944 als nationalsozialistischer Musterbetrieb ausgezeichnet worden.

2. Mitglieder der Betriebsleitung waren führend in Selbstverwaltungen der Rüstungsindustrie.

3.Der Direktor des Werkes II Ringführer und Vorsitzender des Sonderausschusses Waffen der Untergruppe 5.

 

Mitte August 1944 kamen als Wachpersonal etwa 40 meist junge weibliche Betriebsangehörige von der Astra-Werke AG zum Einsatz, die für diese Zeit der SS unterstellt waren. Nur wenige Frauen meldeten sich freiwillig, alle anderen wurden unter Androhung von Strafen durch die Betriebsleitung gezwungen, um einen „Lehrgang“ im KZ Ravensbrück zu besuchen. Die Ausbildung dauerte nur wenige Tage! Von dort wurde ein Teil als SS-Aufseherin in das KZ-Außenlager von Buchenwald nach Leipzig-Schönau und ein anderer Teil in das im Aufbau befindliche Außenlager des KZ Flossenbürg zur Freia nach Freiberg abkommandiert. Erst Ende 1944 bzw. Anfang 1945 kamen die meisten als SS-Aufseherinnen wieder bei Astra-Werke AG zum Einsatz.

 

Zwischen Oktober 1944 und April 1945 befand sich im Gelände der Astra-Werke AG, Altchemnitzer Straße 41, ein Außenlager des KZ Flossenbürg.

510 Frauen und Mädchen, vor allem Russinnen, Polinnen und Italienerinnen, mussten hier Zwangsarbeit für die deutsche Rüstungsindustrie leisten. Im KZ Auschwitz wurden der "Transport" zusammen gestellt, die Frauen bekamen die Nummern ab 56.291 und wurden eingekleidet.

Transport- und Häftlingsliste KZ Auschwitz nach Chemnitz (Quelle: ITS Bad Arolsen, Bestand KZ Flossenbürg)

 

 

Dem Betrieb wurde in den Ankündigungslisten nur  die Häftlingsnummer und das Geburtsdatum der jeweiligen Person mitgeteilt – keine Namen!

Man mischte die Nationalitäten untereinander. Damit sollte u.a. verhindert werden, dass Widerstand und Fluchten abgesprochen wurden.

Aus dem Nummernbuch des KZ Flossenbürg waren es Frauen aus folgenden Ländern:

UdSSR

186 Frauen

Polen

155 Frauen

Italien

138 Frauen

Jugoslawien

10 Frauen

Kroatien

5 Frauen

und staatenlose Häftlinge

sowie Frauen ohne Angaben des Landes

16 Frauen

Am 24. Oktober 1944 traf der Transport von weiblichen Häftlingen aus dem KZ Auschwitz ein. Die Frauen wurden im geschlossenen Einsatz in zwei Schichten, 12 Stunden pro Schicht, zur Arbeit gezwungen. Arbeitskleidung, Decken, Essgeschirr sowie Essen waren durch Astra-Werke AG zu stellen. 

Sie erhielten keinen Lohn, aber Astra musste ein Entgelt für das Tagwerk von 4,-RM unter Abzug der Verpflegung von 0,70 RM pro Häftling an das KZ Flossenbürg abführen.

 

Altersmäßige Zusammensetzung der weiblichen Häftlinge

 sowie deren Verteilung im Betrieb

 

Geburtsjahr

Werk I

Werk II

vor 1900

 

1

1900 - 1909

36

13

1910 - 1919

80

63

1920 - 1924

98

93

1925 - 1930

63

51

:

Sie litten unter den Schikanen der SS-Aufseherinnen, der schlechten Unterbringung und Verpflegung sowie den harten Arbeitsbedingungen. Heute ist kaum noch vorstellbar, unter welchem seelischen Druck, Demütigungen und körperlichen Belastungen die weiblichen KZ-Häftlinge schuften mussten. Die Unterbringung erfolgte im 5. Stock des Werkes I auf dreistöckigen Holzpritschen, Strohsäcken ohne Bettzeug. Minderwertige Essensrationen, schlechte hygienische Bedingungen, Kälte und Bestrafungen durch die SS-Wachmannschaft und dem Lagerkommandanten, Oberscharführer Willig, gehörten zum Tagesablauf.

 

Strafen bestanden u. a. aus Schlägen bzw. Essensentzug oder Arrest meist wegen mangelnder Arbeitsleistung. Hunger, Kälte und Krankheiten sowie Tote durch Unterernährung waren Folgen der menschenunwürdigen Verhältnisse. In der Krankenstube, in der 2 Ärztinnen praktizierten, fehlte es an Medikamenten. Kranke mussten im Schlafraum, 5. Etage, liegen.

Die Verpflegung bestand aus:

-1 Tasse ungesüßten Kaffeeersatz als Frühstück

-1/2 Liter Suppe zu Mittag

-1 Scheibe Brot mit Margarine zum Abendbrot

 

Nach den Luftangriffen auf Chemnitz am 05. März 1945 blieb die Verpflegung bis auf eine Rübensuppe einige Tage ganz aus.

 

Am 12. Februar 1945 wurden 8 schwangere Frauen in das KZ Ravensbrück zur Entbindung überstellt. Was aus ihnen und den Säuglingen geworden ist, kennen wir nur zum Teil. Vieles wurde noch nicht erforscht.

Land

Name

Vorname

geboren am:

Italien

Berghignan

Elda

19.04.20

UdSSR

But

Katharina

07.09.12

Polen

Grelewicz

Jagielska

31.01.10

Italien

Mandorino

Giovanna

16.05.22

Polen

Mizera

Rosalia

09.03.21

Italien

Romano

Carlotta

05.03.21

Italien

Vodopivec

Valina

28.12.13

UdSSR

Zarolowska

Dezenka

11.09.15

Am gleichen Tag trafen 5 Frauen als "Ersatz" aus den Dresdner Außenlager Gohlewerk ein.

Schicksal einer Frau als Häftling 

Rosalia Mizera, politischer Häftling aus Polen, war 23 Jahre alt, als sie nach Chemnitz kam. Sie befand sich im 5. Monat einer Schwangerschaft. Trotzdem musste sie 12 Stunden am Tag schwer arbeiten. Am 12. Februar brachte die SS (eine Frau und ein Mann als Bewacher) nur 8 Frauen ins KZ Ravensbrück. Frau Mizera  berichtete, dass sie dort als Hochschwange vor Hunger drei Möhren entwendet hat und dafür drei Tage ohne Nahrung in einer Arrestzelle eingesperrt wurde. Am 02.03. 1945 schenkte sie einen Knaben das Leben.(laut Geburtenbuch der KZ Ravensbrück)  Sie nannte ihn Franz. Es gab zum Baden des Kindes nur kaltes Wasser. Die Baracke nach der Entbindung für die Mütter mit Kindern war unbeheizt und voller Ratten. Sie berichtete, dass Kinder, die von Ratten gebissen wurden den Müttern  weggenommen und wurden im Krematorium verbrannt. Es sollen etwa 250 Mütter mit Kinder dort gewesen sein. Am 25.April 1945 wurden die Mütter  mit Kinder vom schwedischen Roten Kreuz nach Schweden gebracht und dort gut versorgt. Zum Zeitpunkt ihrer Befreiung wog sie noch 36 kg und musste längere Zeit in einem Krankenhaus behandelt werden. Roselia und ihr Sohn blieben in Schweden. Beide haben durch die mangelhafte Ernährung und unhygienische Umstände noch danach Leiden. Sie wurde 75% erwerbsunfähig  und der Sohn auf einem Ohr taub.Sie wohnten  bis 1959 in Boras/Schweden. Ein ärztliches Gutachten über den Gesundheitszustand von Frau Mizera aus dieser Zeit liegt vor. 

(Quelle: Zentrale Stelle (Landesjustizverwaltung Ludwigsburg,RK V 5 SE)

Stammkarte aus der Häftlingskartei (Quelle: ITS Bad Arolsen)

Der Wachschutz der einzelnen Werke bekam von der Gestapo Chemnitz genaue Anweisung, um Fluchten, Bekanntschaften zwischen Deutschen und Ausländern zu unterbinden Aushänge im Betrieb schüchterten die Betriebsangehörigen ein und kündigten harte Strafen bei Kontakten mit fremden Arbeiterinnen und Arbeitern an, (siehe Anlage: Deutsche! und Anweisung Wachpersonal)

 

Trotz strenger Sicherheitsmaßnahmen des Wachpersonals und Verboten der Betriebsleitung gegenüber den Beschäftigten mit Häftlingen nicht zu reden und keinerlei Unterstützung verschiedener Art zu geben, gelang es 5 Frauen zu flüchten und unterzutauchen.

Land

Name

Vorname

geboren am

geflüchtet am

Italien

Lutznik

Ljudmila

22.08.22

24.03.45

UdSSR

Iwanow

Lala

10.12.25

05.04.45

Polen

Suchowska

Jadwina

25.05.13

16.03.45

UdSSR

Timofejew

Nina

08.06.25

05.04.45

Polen

Dalimalia

Aniela

--.--.23

16.03.45

Nachweis über eine Flucht am 10.03.1945, und eine Todesmeldung

Quelle: Häftlingskartei  KZ Flossenbürg im Archiv ITS Bad Arolsen

Es gab unter den Frauen auch Tote. In Chemnitz sind 3 Frauen verstorben.

 

Land

Name

Vorname

geboren am

gestorben am

Polen

Palszynska

Katarsrina

08.04.07

11.04.45

Polen

Medrek

Janina

24.06.24

20.02.45

 Italien

 Jancic

 Darinka

 19.08.25

 24.10.44

Quelle: ITS Bad Arolsen, Häftlingskartei KZ Flossenbürg

 

Räumung des KZ Außenlagers

In der Nacht vom 12. zum 13. April marschierten die Häftlinge unter strenger Bewachung zum Güterbahnhof Hilbersdorf durch Chemnitz. Am 14. April 1945 fuhren die KZ-Häftlinge in 10 vollkommen verschlossenen Güterwagen nach Leitmeritz (Litoměrice). Sie standen in diesem Güterzug einen ganzen Tag und eine ganze Nacht auf dem Güterbahnhof Hilbersdorf. Es gab weder Sitzgelegenheiten noch Stroh. Sie waren so eng eingepfercht, dass sie sich während der ganzen Fahrt nicht legen konnten. Von Leitmeritz (Litoměrice) marschierten sie zu Fuß nach Hertine. Häftlinge berichteten über Erschießungen, wenn Frauen vor Erschöpfung nicht mehr laufen konnten. wo sie bis zur Befreiung in einer Munitionsfabrik arbeiten mussten. Es kam in dieser Munitionsfabrik bei den Frauen.zu Vergiftungen durch Phosphor.  Eine manche Vergiftung nahm einen tödlichen Ausgang. Die Anzahl der vielen Toten ist nicht aus den Zeugenberichten ermittelbar.

 

 

Die Schlafstellen im 5. Stock, Altchemnitzer Str. 41, wurden noch einmal für andere Häftlinge genutzt!

In den Max-Gerth-Werke Penig (für Junkers Flugzeug- und Motoren AG Dessau) befand sich ein AL des KZ Buchenwald welches am 13. April 1945 evakuiert wurde.

 

Am 13. April 1945, gegen 15.00 Uhr, Abmarsch der ca. 700 Frauen aus Langenleuba-Oberhain. Etwa 80 Kranke und Marschunfähige blieben zurück.

13./14. April: Marsch über Penig (auf Umgehungsstraße) –Mühlau – Hartmannsdorf – Chemnitz und Pause im AL Astra-Werke; In Chemnitz konnten 72 Frauen von der Kolonne fliehen und wurden nach Mittweida gebracht. Die Zurückgelassenen und Geflohenen wurden von amerikanischen Truppen befreit. Fluchten von Einzelpersonen und kleinen Gruppen sind durch Berichte der Überlebenden belegt.

Ab 15. April: Weitermarsch über Burkhardtsdorf – Meinersdorf – Thalheim – Dorfchemnitz (1†). Nach Marschpause weiter über - Zwönitz (1†) – Kühnheide – Grünhain – Beierfeld – Schwarzenberg nach Johanngeorgenstadt. Nach erneuter Pause wurde Sachsen in südliche Richtung verlassen. Weitermarsch bis in den Raum Taus (Domažlice) – Pilsen (Plzeň) – Tauchau (Tachov) – Haid (Bor u Tachova), wo Ende April 1945 die Befreiung erfolgte.

Eine weitere Gruppe von mindestens 34 Frauen gelangte in Johanngeorgenstadt zu einem Transport männlicher Häftlinge Flossenbürger Außenlager, der zwischen 5. und 8. Mai 1945 in Theresienstadt (Terezin) eintraf.

5. Widerstand gegen den NS-Terror und Kriegsproduktion

Den organisierten Kampf gegen die Nationalsozialisten und Krieg führten in der Astra-Werke AG mindestens zwei deutsche und eine sowjetische Widerstandsgruppe. Es gab eine enge Verbindung zwischen einer deutschen und der sowjetischen Widerstandsgruppe im Werk II. Obwohl Kontakte zwischen Deutschen und Ausländern strengstens untersagt waren, beteiligten sich neben den aktiven Widerstandsgruppen auch andere Beschäftigte am Widerstand.

 

Davon zeugten die vielen Aushänge in den Werken I und II über Bestrafungen und die Gründe dafür. Zu entnehmen sind Verstöße gegen das Heimtücke-Gesetz, Abhören von "Feindsendern" und die Verbreitung deren Meldungen, Kontakte mit den Ausländern, Arbeitsverweigerungen und Sabotage bis hin zu Fluchthilfen

Belegschaftsmitglieder halfen mit Kleidung, Nahrungsmitteln und Tabak oder gaben Informationen über den Kriegsverlauf weiter. Es war ein kleiner Kreis von Arbeitern, die Kontakt zu anderen Widerstandsgruppe meist über Ernst Enge Informationen austauschten. Es waren Erwin Hilbert, Kurt Feustel, Willy Krüger, Erich Pfüller, Wilhelm Grundke u. a..

Einer von ihnen war Richard Emmrich, der besonders wegen seiner Kontakte zu den Ostarbeitern der Gestapo auffiel, verhaftet wurde  und am 9.2.1945 in Dresden zum Tode verurteilt wurde. Während des Bombenangriffs auf Dresden am 13./14. Februar gelang ihm die Flucht aus der Haftanstalt Münchner Platz. Nach dem Ende des Krieges setzte er sich aktiv für den Aufbau antifaschistisch-demokratischer Strukturen im Betrieb der Astra GmbH und der Stadt Chemnitz ein.

 

Aus Aufzeichnungen (Stadtarchiv) von Zeitzeugen heißt es:

Weihnachten 1943 im Werk III eine Weihnachtsfeier der Ostar-beiterinnen mit Teilnahme deutscher Genossen! Auch Ehefrauen von Genossen waren mit dabei. (W. Grundke/ A. Gerth/ E. Hilber) Ein Spitzel übte Verrat! Hier liegt ein Brief vom Kind eines Teilnehmers vor.

Auf der gleichen Etage wurden auch Elektrogeräte für Flugzeuge hergestellt. Tätig waren hier auch russ. Kgf.. Motor für die Bohr- und Fräsmaschinen wurde in Brand gesetzt. 6 – 8 Tage Produktionsausfall! (Beachtet werden muss, dass es zu dieser Zeit noch Transmissionsantrieb für die Maschinen gab!)

Es gab einen geheimen Briefkasten, wo Esswaren als Solidarität abgelegt wurden! Richard Emmrich leitete die Widerstandsgruppe im Werkzeug-bau, Werk II. Seit 1933 arbeitete bei Astra ein kleiner Kreis politisch sehr aktiv (Willy Krüger/ Erich Pfüller/ Wilhelm Grundke/ Erwin Hilbert/ Kurt Feustel/ Waldemar Kron/ Richard Emmrich) gegen den NS-Staat. Ab 1943 erfolgte ein Aufschwung der Widerstandsarbeit in Verbindung mit sowjetischen Zwangsarbeiterinnen, Kriegsgefangenen, Belgiern und Franzosen. Nella Kieselowa, Vater war Partisan und von Deutschen ermordet, und Anna Sahorenkowa waren mit bei Emmrich zu Hause, hörten Radio Moskau; Hilfe mit Essen, Kleidung …

 

Es bestand sogar eine Verbindung über Chemnitz hinaus, Suhler Waffenwerke! Fremdarbeiter und Gefangenen mit Geld, Karten, Kompass, Kleidung und Schuhen versorgt. Aus dem Werk II flohen vier Mann auf einmal! Emmrich … und auch die Kieselowa versuchten mit Widerstandsgruppen in Ausländerlagern der Chemnitzer Betriebe mit Fremdarbeitern Verbindung, … herzustellen.

 

Juni 1944 wurden ca. 20 sowjetische Mädchen und 3 Kgf von der Gestapo verhaftet, auch Nella, Leiterin der ausländischen Widerstandsgruppe! Beweismittel konnten durch Emmrich von Nella sichergestellt werden. Er selbst wurde am 12.6.44 verhaftet. Es erfolgte eine Umsetzung der bisherigen Zwangsarbeiter in eine neue Rüstungsabteilung. In die alte Abteilung wurden dann die KZ-Häftlinge aus Flossenbürg eingesetzt. Trotz Verbot und Drohung mit der Todesstrafe wurde auch zu diesen Menschen Verbindung aufgenommen und Hilfe organisiert. Nach drei Wochen erhielten diese Frauen Post und Pakete, SS-Scharführer Willinger hielt die Pakete bis zum Verderb des Inhalts zurück und ließ ermitteln, wer die Post vermittelte! Trotzdem wurde der Speck in der Härterei noch ausgelassen und verzehrt. Die Frauen wurden im vierten Stock untergebracht und mussten auch dort bei den Fliegerangriffen ausharren.“

Soweit die Aufzeichnungen von Grundke.

 

 

Beide sowjetischen Widerstandsmitglieder wurden bei der Vernehmung von Emmrich gegenübergestellt. Sie haben sich nicht gegenseitig belastet. Beide sowjetischen Bürgerinnen wurden im Betrieb nicht wieder gesehen!

Quelle: Staatsarchiv Chemnitz, Bestand VEB Buchungsmaschinenwerk

6. Zum System der Einschüchterung, Bespitzelung und Bestrafung der Belegschaft der Astra-Werke AG, Chemnitz.

Im Betrieb gab es einen Mob- und Abwehrbeauftragten, der eng mit der GESTAPO Chemnitz zusammen arbeitete. Es war Karl Fritz Kluge,*21.08.1896,. Ab 1942 bekam er noch die Oberleitung des Werkschutzdienstes. Stellvertreter war der Direktor des Werkes II, Ernst Seyfried, *01.11.1921.

Kluge nutzte diese Machtfülle gegenüber den Ost- und Westarbeitern, sowjetischen Kriegsgefangenen und auch gegenüber den deutschen Beschäftigten aus.

Einige Eintragungen im Kontrollbuch und aus den Schriftverkehr, den Kluge führte, geht hervor, dass eine ständige Bespitzelung erfolgte und harte Strafen bei geringen Vergehen durchgesetzt wurden.

Aus dem Ordner über Belobigung und Bestrafung wurde unsortiert und nicht anonymisiert übernommen:

Kreißig, Karl, *28.1.1902, Chemnitz, Bernhardtstr. 117 und Muck, Erich Walter, * 20.12.1904, Chemnitz, Charlottenstr. 77 erhielte 14 Tage GF bis 26.8.1942, weil sie Russen Zigaretten hingeworfen haben. (Nr. 00040, Am 12.8.1942 zeigt Ahlendorf, Alfred Rolf, * 7.2.1916, beide an und beschuldigt Muck, dass er keine einwandfreie politische Haltung für die Nazis zeigt, sein Schwager bei Astra roter Betriebsrat gewesen sei und jetzt bei Wanderer arbeitet. Muck verkehrt mit Uhlig, Richard Bruno, * 23.4.1890, Chemnitz, Jahnstr. 18, der Auslandsmonteur in Rußland gewesen sei. Meldung an Gestapo!)

Lehnert, Emil, Chemnitz, Reichsstr. 38, erhielt 1,6 J GF, weil er sich über die Behandlung der russischen Kgf (Schlagen…) öffentlich dagegen auflehnte!

Steinbach, Horst, Chemnitz, Waldseestraße 13, 14 Tage Haft, weil er für den roten Lappen (Hitler-Fahne) keine Spende gab und sich dazu öffentlich bekannte. Wurde ständig verfolgt und überwacht, bis er sich selbst das Leben nahm!

Becker, Ruth und Becker, Max, Chemnitz, Moritzstr. 37, wegen RV beide ins KZ Ravensbrück

Gräbner, Gerda, 0,1 J GF, weil sie russ. Kgf Roman Tkatschenko, zwei Schnitten gab, Werk II, 16.10.42, 11.00 Uhr von der Gestapo verhaftet. Es gab den

Hinweis, dass dies wieder im 3. Stock vom Werk II geschehen ist, wo bisher die größten Schwierigkeiten auftraten

Görner, Willy, Chemnitz, Helmholzstr. 45, GF wegen Sabotage

Flieher, ? , Oberfrohna, Waldenburger Str. 63, GF

Schreiber, Alfred, Chemnitz, Fichtestr. 17, GF wegen RV

 

Aktennotiz vom 16.2.43 (muss 1944 sein, weil alle Stempel der Bearbeitung im Februar 1944 liegen): Schmieder, Arthur hatte beobachtet, wie die Ostarbeiterin Grischemcowa, Anna, dem russ. Kgf Litowschenko ein Päckchen gab. Die Prüfung ergab, dass darin Zigaretten waren, die die Ostarbeiterin vor einigen Tagen vom Hilfsarbeiter Günther, Kurt, erhalten hatte. Nach einer Aussprache bei Seyfried und Kluge gab es eine scharfe Verwarnung. Von einer Meldung zur Gestapo wurde abgesehen!

Revolte in Abt. 2090, 2.12.1944: Nach einem Streit zwischen Gusew, Adolf, *6.11.1920, Kriegsbeschädigt, und der Wolfram, Johanna, *17.3.1906, die Gusew vorwarf, „wenn der Führer lauter solche Arbeiter hätte, dann können wir den Krieg nicht gewinnen“. Dies zog nun seine Kreise. Abt.leiter Bilz, Erwin, *14.3.1893, und der Betriebsobmann Vettermann, Emil, * 11.6.1894, waren informiert. Es entwickelte sich eine Auseinandersetzung über „Süßkraut, sprich zurückhalten von erbrachten Minuten, die bei schlechten Arbeiten als Reserve zum Einsatz kamen“ innerhalb der Abteilung. Liebig, Erich, *20.9.1893/ Anschütz, Erika, * 10.4.1926/ Weise, Liesbeth, 19.4.1901/ Günther, Frieda, *12.5.1897/ Lehmann, Elfriede, *11.5.1916/ Langer, Helene, * 2.3.1898/ Loose, Charlotte, * 28.9.19?2. Es hagelt Geldstrafen bis zu 2 Tagessätzen! Gab keine Anzeige bei Gestapo!

27.6.1944 wird bekannt, dass am 21.6.44 Schwalbe, geb. Planitzer, Ingeborg, * 28.9.1923, Chemnitz, Breitenlehnweg 11, von der Gestapo 0,1 J in ein AL verbracht wurde. Bummelei, Arbeitsvertragsbruch!

 

Aushang 29.12.44-6.1.45: Werk II, Lotte Meinhold, * 19.2.1925, Chemnitz, Klarastr. 40, am 7.12.1944 vom AG Chemnitz zu 0,15 J GF wegen Arbeitsvertragsbruch verurteilt.

Aushang 6.10.43-16.10.43: Wegen Differenzen mit Walter, Erich mit der Ostarbeiterin Arhipowa, Maria, wurde diese der Gestapo zur Bestrafung übergeben. 14 Tage Haft, über Art der Bestrafung ist nichts bekannt.

17.8.1944: Beleidigung des Werkschutzes Arnold, der vom Kriegsblinden Stahl und dessen Blindenführer mit „Drecksäcke“ beschimpft wurde. Beim nächsten Vorfall gibt es keine Verwarnung mehr, sondern eine Meldung an die Gestapo!

Aushang 11.12.44-20.12.44: Elfriede Petzoldt, *24.2.1919, Glösa, Quellenweg 24, wegen Arbeitsvertragsbruch von Gestapo zu 10 Tagen AL verurteilt.

Aushang 23.6.-29.6.44: Am 1.6.1944 wird die Maschinenarbeiterin Ursula Steinmeyer, geb. Riesel, *3.3.1923, Chemnitz, Bergstr. 14 wegen Vertragsbruch vom AG Chemnitz zu 0,1 J GF verurteilt.

Aushang 12.2.1943-20.2.1943: Der Fräser Zöllner, Fritz, * 21.7.1917, Chemnitz, Mathildenstr 18, wegen verbotenen Umgangs mit Kgf fristlos entlassen

Aushang 7.4.43-15.4.1943: Hildegard Pfeifer, * 29.4.1922, Chemnitz, Uhlichstr. 15 und Gerda Pielack, * 9.12.1921, Chemnitz, Solbrigstr. 12, wurden wegen Umgangs mit Ausländern fristlos entlassen.

Aushang 28.7.44-5.9.1944: Görner, Willy Robert, * 9.10.1886, Chemnitz, Helmholtzstr. 45 , wegen asozialen Verhalten und verbotenen Umgang mit Kgf von Gestapo in SH genommen

Aktennotiz vom 24.8.1943: Eine Verwarnung von Johanne Faber, wegen Arbeitsverweigerung

6.3.43 kommt es zu Tätlichkeiten zwischen Faber und Bölke. Faber wird mit einem Tagesverdienst bestraft und als Nachrichtenhelferin gemeldet. Bölke erhielt Verwarnung.

Aushang 17.8.44-31.8.1944: Am 20.7.1944 wurde wegen Arbeitsvertragsbruch die Maschinearbeiterin Vera Rottluff, * 14.3.1925, Chemnitz, Grenadierstr. 9, vom AG Chemnitz zu 0,1 J GF verurteilt. Saß diese Zeit bereits in der U-Haft ab.

Aushang 20.12.43-24.12.43: Arbeitsvertragsbruch der Messerin Charlotte von Keltsch, geb. Eidam, *17.7.1909, Chemnitz, Wendegang 13, wurde mit Ordnungsstrafe von 100, 00 RM belegt, laut Meldung vom Arbeitsamt.

9.2.1944: Einsteller Riesen, Erich, hat sich vom Russen in der Nachtschicht die Schuhe reparieren lassen und hat dafür an der Maschine für den Russen die Produktion gemacht. Wird sofort als Hilfswachmann entlassen, und mit einem Tagessatz bestraft. Meldung zur Gestapo erfolgt nicht, da es bereits mit Winter einen Vorfall gab.

 

Bei einer Kontrolle im Werk II im Januar 1943 wurden zwei Meister gerügt, weil sie russische Kriegsgefangene in Gängen mit Frauen haben arbeiten lassen. Ein anderer Meister musste sich die Kritik annehmen, dass die an den Fenstern befindlichen Wirbel noch nicht entfernt wurden und damit immer die Gefahr der Flucht von russischen Kriegsgefangenen besteht! Im Werk II, wo nur Rüstungsgüter produziert wurden, gab es immer wieder Mängel bezüglich der Bewachung der Russen und Verstöße gegen das Rauchverbot.

 

Ende März 1943 ergab eine Kontrolle im Werk III, dass zwei Wachmänner nicht im Wachlokal waren, sondern im gemütlichen Kreis mit den Russenfrauen saßen, Koppel und Mütze hatten sie verborgt, so dass sich die Russinnen damit schmücken konnten. Gegen die zwei Wachmänner gab es ein Disziplinarverfahren.

Feststellung, dass vom 1./ 2.8.43 die beiden russischen Kgf, Paschinin, Wassilij/ Kolzew, Iwan, geflohen sind. Hinweis auf Pfingsten 1943, wo bereits Russen geflohen waren! Koslow und Rylow sind wieder eingefangen.

 

Mitte April 1943 liegt ein Bericht über die Kontrolle m Westarbeiterlager vor. Zur Bewachung wurde von Kluge die Polizei eingewiesen und besonders der Bettenbau wurde kritisiert.

Kluge tat alles, damit Aktionen gegen den Staat und Betrieb schnellsten eliminiert werden konnten, wurden Frauen, die zu strengster Geheimhaltung verpflichtet wurden, gewonnen, die ihre Belegschaftsmitglieder gleich welcher Nationalität allseitig kontrollieren und an den Abwehrbeauftragten zur Weitermeldung an die Gestapo melden mussten.

5.2.1946 erfolgte Anzeige über Paul Schreiter, Chemnitz, Erdmannsdorfer Str. 22, bis 1945 Meister bei Astra, jetzt Vorarbeiter, der Helferdienste für den Abwehrbeauftragten Kluge leistete, indem er nach der Flucht von zwei russischen Kgf, ein Tagebuch der Russen dem Kluge aushändigte. Ein Gefangener, Obschynikow wurde umgelegt!!!

 

Kluge beschwert sich am 2.11.43, dass die deutschen und Russenfrauen den gleichen Abort benutzen! Es soll zur Abortbenutzung im Werk II eine Reglung getroffen werden. Es geht aber auch um die Männeraborts!

1944 wurden drei ausscheidende Werkschutzmänner als Lagerwächter zur Betreuung der Westarbeiterlager eingesetzt. Mit einer Kontrolle in der Nacht vom 29.11. zum 30.11.1944 im Werk II wurden den Verantwortlichen der Kostenstellen 5020, 3020, 5010, 5280, 5230, 3210 und 5211 Informationen aus Vernehmungen von Ausländern und Ostfrauen ausgewertet. In der Nachtschicht wurden diese oft wegen ihrer Arbeitsweise gerügt. Doch deutsche Arbeiter, das zeigten auch die Kontrollen, nahmen sich das Recht heraus, am Arbeitsplatz zu schlafen. Auch mit dem Verschließen der Büroräume, Schreibtische… wurde fahrlässig gehandelt.

Ab dem 5.2.44 gab es keine Geheimfertigung mehr im Werk II! Deshalb schwer beschaffbare Zeiß-Ikon-Schlösser austauschen. Verbleiben sollen die Schlösser in den Hoftüren zur Wapler- und Metzner Straße, in den Eingangstüren der Betriebe, Gefolgschaftsraum, Abwehrstelle, Küche …

 

Am 2.11.1944 wurde dem Abwehrbeauftragten Kluge und dem Direktor Seyfried das Kriegsverdienstkreuz verliehen.

 

7. Juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in den Astra-Werken AG

Zur juristischen Aufarbeitung der Verbrechen an diesen Menschen konnten wir nur wenig finden. In der sowjetischen Besatzungszone kam es Ende der 40er Jahre gegen die SS-Aufseherinnen bei der Astra-Werke AG zur Anklage. Die Mehrheit erhielt einen Freispruch, eine Anneliese B. wurde zu 25 Jahren Freiheitsentzug und auch eine Olga L. zu mehrjähriger Haft verurteilt. Der Kommandant des KZ-AL Flossenbürg in der Astra-Werke AG, SS-Oberscharführer Willing, soll sich beim Einmarsch der Roten Armee im Mai 1945 erschossen haben.

Die ehemalige Betriebsführung mit den Direktoren Greve und Rebberdt, die sich durch die skrupellose Ausbeutung der ausländischen Arbeitskräfte und deren schlechten Entlohnung und Versorgung satte Gewinne erzielten, wurden entlassen. Mit dem Absetzen in den westlichen Teil Deutschlands entzogen sie sich einer weiteren Bestrafung.



Die Behandlung der russischen Zwangsarbeiter in der Astra-Werke AG während der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurde in der Nachmittagssitzung des 22. Februar 1946 durch Generalmajor Zorya vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg unter Anklage gestellt.

Er verlas den Brief einer Mutter, die in der Astra-Werken AG arbeitete. Bei ihrem gefallenen Sohn fanden Rotarmisten einen Brief, in dem sie über die unmenschliche Behandlung der ausländischen Arbeitskräfte schrieb.

„…Viele russische Frauen und Mädchen arbeiten in den Astra-Werken. Man zwingt sie, vierzehn und mehr Stunden täglich zu arbeiten. Lohn erhalten sie natürlich keinen. Zur Arbeit und zurück gehen sie unter Bewachung. Die Russen sind so erschöpft, dass sie buchstäblich zusammenbrechen. Sie werden häufig von der Wache ausgepeitscht. Sie haben kein Recht, sich über Schläge oder schlechtes Essen zu beschweren…“



Bereits im Mai 1945 nahmen 609 Beschäftigte die Fertigung von Buchungsmaschinen wieder auf. Auf der Grundlage des Abschnitts IV des Potsdamer Abkommens über die Reparationsansprüche der Staaten der Antihitlerkoalition verfügte die Sowjetische Militäradministration (SMAD) über die vollständige technische Demontage des Werkes II. Danach produzierte bis 1990 der VEB Naplafa, Betrieb des Kombinates Textima in dem Gebäude.

 

 

8. Einige Fakten zum Einsatz von Zwangsarbeiter/innen und sowjetische Kriegsgefangenen

Insgesamt waren im Bezirk Chemnitz im Januar 1942 5.800 ausländische Arbeitskräfte registriert, das entsprach circa 2% aller Beschäftigten. Zur selben Zeit betrug der Ausländeranteil in Sachsen 4%, reichsweit lag er bei 8%. Erste sowjetische Zivilarbeiter (Ostarbeiter) kamen in Chemnitz ab Mai 1942 zum Einsatz, einzelne sowjetische Kriegsgefangene in Siegmar-Schönau bereits im April 1942.

1944, auf dem Höhepunkt der deutschen Rüstungsproduktion, lag die Zahl ausländischer Arbeitskräfte im Raum Chemnitz bei etwa 38.000, davon etwa 15.000 Ostarbeiter. Sachsenweit kam inzwischen jede 8. Arbeitskraft aus dem Ausland. Im Stadtbezirk Chemnitz waren diese Arbeitskräfte in circa 130 Lagern, im Stadtumland zusätzlich in etwa 70 Lagern untergebracht. In Chemnitz lag die Zahl der Rüstungsbetriebe in dieser Zeit bei etwa 40, und es gab noch weitere Betriebe, die direkt für die Wehrmacht produzierten.

Auffällig bei allen Meldungen der Betriebe an die IHK Chemnitz (Industrie- und Handelskammer) ist, dass in der Statistik die Kriegsgefangenen nicht gesondert ausgewiesen werden. KZ-Häftlinge waren im Stadtgebiet Chemnitz nur bei der Astra tätig.

Für den 4.3.1945 gibt es verschiedene Statistikbögen von der IHK. Einmal wurden 25 Firmen bzw. 30 Firmen betrachtet, in letztere Erhebung waren auch die Betriebe der Stadt Siegmar-Schönau einbezogen.

Damit waren insgesamt 6.030 Zwangsarbeiter statistisch erfasst, die Anzahl der Arbeiter und Angestellten insgesamt wurde mit 28.170 angegeben. Damit betrug der Anteil an Zwangsarbeitern mindestens 21,41%.

Arbeitskräftemeldung (aus Staatsarchiv Chemnitz) von 25 Firmen an die Industrie- und Handelskammer Chemnitz:

 

 

 

 

Die nachfolgende Meldung für den Stichtag 4.3.1945 besagt, dass bei den Astra-Werken 1.004 ausländische Arbeitskräfte (ohne sowjetische Kriegsgefangene) tätig waren. Die Gesamtbelegschaft umfasste 2.994 Arbeiter und Angestellte. Der Ausländeranteil betrug 33,53%. Mit den gut 57 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in einer anderen Statistik vom 26.2.1945 zu dem Zeitpunkt dort tätig waren, gab es danach 1.060 Zwangsarbeiter. Damit lag der Ausländeranteil auch bei Berücksichtigung von sowjetischen Kriegsgefangenen bei einem Drittel. 

Sowjetische Kriegsgefangene in Chemnitz und den Astra-Werken AG

Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen kamen ab August 1941 im Raum Chemnitz zum Einsatz, wohl circa 550 Personen. Ihre Zahl stieg seit Hitlers genereller Genehmigung zum Arbeitseinsatz sowjetischer Kriegsgefangener auch im Reich im Oktober 1941. Bis dahin war ihr Einsatz offiziell verboten, kam gleichwohl partiell vor. Anfang Januar 1942 war die Anzahl im Raum Chemnitz auf 1.380 angewachsen, fiel dann aber wieder bis März 1942 auf 1.260 (vor allem Todesfälle).

Kriegsgefangenlager in Sachsen und Arbeitskommandos im Raum Chemnitz Quelle: Erstellt von Wolfgang Scheder, Stiftung Sächsische Gedenkstätten 2004

Zu Ostarbeitern und sowjetischen Kriegsgefangenen existieren Namenslisten und Personalunterlagen, für die Astra Werke auch Listen, auf denen zumeist auch die Erkennungsmarkennummern (bei Kriegsgefangenen) vorhanden sind. Eine Überprüfung mittels der Internetdatenbank „Strana.ru“ ergab für die Astra Werke etwas über 50 Treffer. Im Anhang sind einige Beispiele von Kriegsgefangenen dargestellt, die ein Mal oder mehrfach bei den Astra Werken beschäftigt waren. (Personalakten sowjetischer Kriegsgefangener in der Anlage)

Mehreres fällt dabei auf:

1. Praktisch alle Kriegsgefangenen waren bei der Einlieferung in die Kriegsgefangenenlager als gesund registriert.

 

2. Wenn sie anschließend verstorben sind, so ist dies auf die schon genannten Einschränkungen bei der Ernährung wie auch die schweren Arbeitsbedingungen zurück zu führen.

 

3. Die ersten Kriegsgefangenen im Arbeitseinsatz für die Astra Werke sind am 7.9.1942 verzeichnet. Bereits am 23.4.1942 ist ein Kriegsgefangener namens Nikolaj Ruduika beim Arbeitskommando Siegmar-Schönau genannt; am 16.11.1943 begann sein Arbeitseinsatz bei den Astra Werken.

 

4. Bei dem häufig auftauchenden Namen „Revier Harthau“ handelte es sich um ein Krankenrevier, das sich im Stadtteil Chemnitz-Harthau befand. Offenbar kamen erkrankte Kriegsgefangene für einige Tage oder Wochen dorthin. Dort verstorbene Kriegsgefangene wurden auf dem Friedhof Chemnitz-Harthau beerdigt (Grabstätten sowjetischer Bürger)

 

5. Die meisten der verstorbenen Kriegsgefangenen sind wahrscheinlich im Reserve-Lazarett Zeithain verstorben und bestattet, wohin sie offenbar einige Wochen oder Tage vor ihrem Tode schwer krank transportiert worden sind, da ihr Tod in Zeithain relativ kurz nach der Einlieferung eintrat.

 

Sowjetischer Friedhof in Chemnitz/Reichenhain (Obelisk geschaffen von Hanns Diettrich)

Bestimmungen des NS-Staates zu Zwangsarbeiter

 Für die polnischen Kriegsgefangenen und Zivilarbeiter hatte der Reichsführer SS Heinrich Himmler als deutscher Innenminister am 8.3.1940 bereits erste Sonderbestimmungen (Polen-Erlasse) herausgegeben, die diese gegenüber deutschen Arbeitskräften erheblich diskriminierte und schlechter stellte. Sie mussten ein Sonderzeichen „P“ auf der Kleidung tragen,

 

(Quelle: Wikipedia, Polen-Erlasse)

Sie erhielten geringere Bezahlung und unterlagen einem weitreichenden Kontaktverbot gegenüber Deutschen (im NS-Jargon: Volksgenossen). Drakonische Strafen waren darüber hinaus für Geschlechtsverkehr mit deutschen Frauen vorgesehen, darüber hinaus eine Fülle diskriminierender Einschränkungen über die Benutzung von Verkehrsmittel, den Besuch von Veranstaltungen bis zu wesentlichen rechtlichen Einschränkungen im Arbeitsrecht. Am 4.12.1941 wurden diese Bestimmungen mit der sogenannten Polenstrafrechtsverordnung noch einmal in vielen Punkten verschärft und eine Fülle von Handlungen mit der Todesstrafe bedroht. Zusammenfassung Bestimmungen (Polenerlasse).

„Die Anordnungen umfassten z. B. folgende Vorschriften:Kennzeichnungspflicht für polnische

Zwangsarbeiter (ein „P“ musste deutlich sichtbar an jedem Kleidungsstück befestigt werden)

Geringere Löhne als für deutsche Arbeiter. Weniger und/oder schlechtere Verpflegung als Deutsche

Das Verlassen des Aufenthaltsortes war verboten Ausgangssperre ab der Dämmerung.

Der Besitz von Geld oder Wertgegenständen, Fahrrädern, Fotoapparaten oder Feuerzeugen war verboten

Der Besuch von Gaststätten oder Tanzveranstaltungen war verboten

Die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln war verboten

Der Kontakt von Polen mit Deutschen war strengstens verboten, selbst der gemeinsame Kirchenbesuch.“ (Quelle: Wikipedia, Polen-Erlasse)

(Die Anordnung für polnische Ostarbeiterinnen der Astra-Werke im Anhang)

 

Der Kriegsgefangenen- und Zivilisteneinsatz sowjetischer Bürger wurde am 20.2.1942 wiederum durch einen Himmler-Erlass geregelt, der gemäß dem Rassenschema der Nationalsozialisten (Herrenmensch – Untermensch) noch schärfere und diskriminierende Bestimmungen für Sowjetbürger enthielt als gegenüber den Polen ein Jahr vorher: Sie erhielten die Kennzeichnungspflicht „Ost“ als Ostarbeiter; sie erhielten noch geringere Bezahlung und vor allem – das betraf auch die sowjetischen Kriegsgefangenen – eine praktisch immer für die geforderte Arbeitsleistung viel zu geringe Ernährung. Dies führte zum Tod viele Zwangsarbeiter, zumal sie häufig zunächst vor allem in Schwerarbeitsverhältnissen (Bauarbeiten, Bergbau) beschäftigt waren. Sie arbeiteten sich im wörtlichen Sinne zu Tode.

 „Die „Ostarbeiter-Erlasse“ enthielten z. B. folgende Bestimmungen:

+ Verbot, Geld und Wertgegenstände zu besitzen

+ Verbot, Fahrräder zu besitzen

+ Verbot, Fahrkarten zu erwerben

+ Verbot, Feuerzeuge zu besitzen

+ Kennzeichnungspflicht: ein Stoffstreifen mit der Aufschrift „Ost“ musste gut sichtbar auf jedem Kleidungsstück befestigt werden

+ Die Betriebsführer und Vorarbeiter besaßen ein Züchtigungsrecht

+ schlechtere Verpflegung als für Deutsche

+ weniger Lohn als Deutsche

+ Verbot jeglichen Kontakts mit Deutschen, selbst der gemeinsame Kirchenbesuch war verboten.

+ gesonderte Unterbringung der Ostarbeiter, nach Geschlechtern getrennt

 

Bei Nichtbefolgen von Arbeitsanweisungen bzw. Widersetzlichkeiten drohte die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager, die Bedingungen in diesen Lagern ähnelten denjenigen eines Konzentrationslagers.

Strenges Verbot des Geschlechtsverkehrs mit Deutschen; darauf stand zwingend die Todesstrafe.“

(Aus: Wikipedia, Ostarbeitererlasse)

Aufnäher für polnische Zwangsarbeiter und Ostarbeiter

9. Dokumente als Anlagen

Quelle: ASTRA-WARTE, Jahrgang 4, Folge 1; Meldung Astra-Werke AGan Arbeitsamt Chemnitz, nur Werk I und III

Die Anweisung war vom Gestapo-Beauftragten Kluge unterzeichnet.

3.12.1942 / Blatt 00689 / Archiv 28 LA Sachsen d, S. 6

Einsatz Ostarbeiter

Betrifft: Bezahlung Ostarbeiter

In unserem Werk gelangten 40 Arbeiterinnen zum Einsatz.

Es wird nur die tatsächlich geleistete Arbeit bezahlt. Sämtliche Mehrarbeitszuschläge entfallen. Als Lohn wird der tatsächliche Lohn der vergleichsweise deutschen Arbeiterinnen bezahlt und zwar nach Lohnstufe IV der Tarifordnung für die Eisen-, Metall- und elektrotechnische Industrie im Wirtschaftsgebiet Sachsen vom 30. April 1938.

Die Ostarbeiterinnen sollen möglichst im Akkord beschäftigt werden. Die Lohnbezahlung wird wie folgt vorgenommen:

Btto.-Lohn des dtsch. Arbeiters wöchentl. ca. RM 30,10 Brutto

(Stufe 29,75-30,80)

Entgelt f. Ostarbeiter lt. Tabelle RM 18,20 zusammen: RM 30,10

Ostarbeiter Abgabe RM 11,90 ca. 40%

 

Abz. f. Unterkunft u. Verpfl. RM 10,80

auszuzahlender Betrag RM 7,70

Die Ostarbeiter sind im Gemeinschaftslager untergebracht, Wohnung und Verpflegung hat die Firma

zu tragen. Dem Ostarbeiter sind kalendertäglich RM 1,50 für Wohnung und Beköstigung anzurechnen und einzubehalten.

Die Ostarbeiter sind bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse unter C 1 (Krankenversicherung) angemeldet. Der volle Versicherungsbeitrag (Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Anteil) ist von der Firma zu zahlen.

(Diese Verordnung hatte nur wenige Monate Bestand. Man stellte fest, dass der Anreiz für die Ostarbeiter zu gering ist und senkte die Ostarbeiterabgabe auf ca. 20% /vergl. Reichssteuerblatt, Nr. 31 vom 12. April 1943)

Aushang in den Werken, Quelle Stadtarchiv

Drei Personalakten (Vorder- und Rückseite), sowjetischer Kriegsgefangenen, die in den Astra-Werken AG gearbeitet haben

10. Autoren-und Quellennachweis

Dr. Hans Brenner, Dr. Klaus-Dieter Müller, Rainer Ritscher, Dietmar Wendler. Fotos: Stadtarchiv, Eigenproduktion von Mitgliedern der VVN-BdA Chemnitz und Kerstin Ritscher,

- Beratung mit Dr. Wolfgang Uhlmann, bis 2018 Vorsitzender Geschichtsverein Chemnitz e.V.

 

Texte und Quellen zusammengestellt u.a. aus:

 

- Brenner, Hans, Dr.: Zur Rolle der Außenkommandos des KZ Flossenbürg im System der staatsmonopolistischen Rüstungswirtschaft des faschistischen Imperialismus und im anti-faschistischen Widerstandskampf 1942 – 1945, Dissertation an der Pädagogischen Hochschule, Dresden 1981

- Staatsarchiv Chemnitz, Bestand Astra Werke AG, 31092, Sign.-Nr.: 10/ 11/ 13/ 15/ 115/ 116/ 117/ 176/ 191/ 197; Objekt 14, 39074, 14 ZA 55/ 0678; IHK, 30874, u. a. die Sign.-Nr.: 357/ 424; Stadtarchiv Chemnitz, - Nachlässe Morgenstern, Müller, Grundke; Industriemuseum Chemnitz, Archiv, Astra Warte; ITS Bad Arolsen; Bundesarchiv Berlin.

Literatur:

Spoerer, Mark, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, Stuttgart/München 2001. 

 

Herbert, Ulrich, Geschichte der Ausländerbeschäftigung in Deutschland 1880 bis 1980. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Berlin/Bonn 1986.

 

 Herbert, Ulrich (Hg.), Europa und der >Reichseinsatz<. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge in Deutschland 1938-1945, Essen 1991.

 

NS-Terror und Verfolgung in Sachsen. Von den Frühen Konzentrationslagern bis zu den Todesmärschen, hrsg. von Hans Brenner/ Wolfgang Heidrich/ Klaus-Dieter Müller/ Dietmar Wendler, Dresden 2018.

 

Chemnitz in der NS-Zeit. Beiträge zur Stadtgeschichte 1933-1945, hrsg. vom Stadtarchiv Chemnitz, Leipzig 2008.

 

Deutschland im zweiten Weltkrieg. Band 1 - 6, Autorenkollektiv unter Leitung von Wolfgang Schumann und Gerhart Hass, Akademie - Verlag, Berlin, 1975

 

Diamant, Adolf: Gestapo Chemnitz und die Außenstellen Plauen i. V. und Zwickau, Chemnitz, 1999

 

Schaller, Karlheinz: Fabrikarbeit in der NS-Zeit. Arbeiter und Zwangsarbeiter in Chemnitz 1933 – 1945, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2011

 

Schneider, Michael C.: Unternehmensstrategien zwischen Weltwirtschaftskrise und Kriegswirtschaft: Chemnitzer Maschinenbauindustrie in der NS-Zeit 1933-1945 (Bochumer Schriften zur Unternehmens- und Industriegeschichte, Bd. 14). - Essen, 2005.

 

Schumann, Silke: Kooperation und Effizienz im Dienste des Eroberungskrieges. Die Organisation und von Arbeitseinsatz, Soldatenrekrutierung und Zwangsarbeit in der Region Chemnitz 1939 bis 1945, Göttingen 20

 

Broschüre "ASTRA & ASCOTA, Anfang und Ende der Chemnitzer 

 

 Büromaschinenindustrie", Hsg.:Betriebsrat der Ascota AG i.L., 1993

 

Grabstätten sowjetischer Bürger auf dem Gebiet des Freistaates Sachsen. Red. Klaus-Dieter Müller und Alexander Haritonow unter Mitarbeit von Wolfgang Scheder, Christel Achmad, Kristina Posseckardt, Uljana Sieber, hrsg. von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Dresden 2008.

10. Gedenken an Zwangsarbeit 73 Jahre nach der Hitler-Diktatur und Mahnung

EHRUNG

Zur Ehrung und zum Gedenken an die sowjetischen Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlingen, die für die Rüstung Zwangsarbeit leisten mussten, war es an der Zeit, dass eine Gedenktafel angebracht wurde. 73 Jahre später erfolgte die Ehrung. Die Landesdirektion Sachsen gewährte den Initiatoren alle Unterstützung.

 

Die Gedenktafel wurde aus Spendenmitteln finanziert, Spender sind:

Heidrun Auerbach

Dr. Hans Brenner

Fraktion Die Linke, Bundestag

Gewerkschaft IG Metall, Chemnitz

Michael Leutert

Heidemarie Lüth

Detlef Müller

Dr. Bert Pampel

Dr. Hans-Gerhard Träger

Trio QUIJOTE, Chemnitz

VVN-BdA, Chemnitz

 Petra Zais

Die Ausführung der Gedenktafel übernahm die Firma BASEG, Werbeproduktion GmbH, Herr Thomas Wolff

 

Wir danken allen Spendern für die Gedenktafel.



Begrüßungsrede zur feierlichen Enthüllung der Gedenktafel am 13. April 2018 durch den Präsidenten der Landesdirektion Sachsen, Herrn Dietrich Gökelmann

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste,

ich begrüße Sie heute zu einem besonders denkwürdigen Anlass in der Landesdirektion

Sachsen.

Ein besonderer Gruß gilt der 1. Vizepräsidentin des Sächsischen Landtages, Frau Andrea

Dombois. Liebe Andrea, ich danke Dir herzlich dafür, dass Du persönlich die Enthüllung der

Gedenktafel vornehmen wirst.

Ein nicht weniger herzliches Willkommen richtet sich an die Vertreter der ausländischen

Staaten, Herrn Gesandten-Botschaftsrat Aleksandr Levanovich aus der Republik Belarus sowie

Herrn Honorarkonsul Andreas Aumüller für die italienische Republik.

Besonders herzlich begrüße ich auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages Frank

Heinrich und Detlef Müller sowie die Abgeordneten des Sächsischen Landtages

Alexander Dirks, Hanka Kliese, und Susanne Schaper.

Aus dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst weilt der Abteilungsleiter

Kunst, Herr Thomas Früh, unter uns. Herzlich willkommen.

Ich begrüße die Vertreter der Stadt Chemnitz mit Herrn Bürgermeister Miko Runkel an der

Spitze.

Herzlich willkommen heiße ich als ganz besondere Ehrengäste

- Herrn Dr. Hans Brenner, Leiter der Bürgerschaftlichen Initiative "Historischer Atlas Sachsen

1933 - 1945"

- Herrn Siegmund Rotstein, Ehrenvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz und

Ehrenbürger der Stadt

- Herrn Enrico Hilbert, Vorsitzender des Verbandes der verfolgten des Naziregimes - Bund der

Antifaschisten Sachsen e. V. Chemnitz

- und Frau Marga Simon sowie Herrn Ruwin Backmann und Herrn Justin Sonder

als Zeitzeugen, Holocaust-Opfer und NS-Regimegegner aus Chemnitz.

Ebenfalls willkommen heißen darf ich alle nicht namentlich genannten Bürgerinnen und Bürger

der Stadt Chemnitz, die Kolleginnen und Kollegen benachbarter Einrichtungen und Ämter

sowie meiner eigenen Behörde.

 Und ich freue mich ganz besonders, dass Schülerinnen und Schüler hierhergekommen sind,

um sich bei diesem Anlass einen Teil deutscher Geschichte vor Augen zu führen.

Ihnen allen - meine Damen und Herren - danke ich für lhr Kommen. Mein besonderer Dank

gilt bereits an dieser Stelle allen Initiatoren mit Herrn Dr. Hans Brenner an der Spitze und allen

Mitwirkenden an der heutigen Veranstaltung, insbesondere auch dem Duo QUIJOTE für die

musikalische Umrahmung.

Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner

Mittelbehörde arbeiten in diesem Gebäude tagtäglich für das Funktionieren und Gedeihen

unseres demokratischen Rechtsstaates. Dabei nehmen wir das Haus selbst, in das wir 1994

als Mieter eingezogen sind, ganz sachlich als Ort unserer Dienstleistung wahr.

Ich muss zugeben: die Vergangenheit des Gebäudes und das Schicksal der Menschen, die

früher darin gearbeitet haben, hatte bis heute kaum Auswirkungen auf unser Tagesgeschäft,

auch wenn in den architektonischen Besonderheiten des Bauwerkes seine Geschichte

erkennbar bleibt.

Das Gebäude als Hülle hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Es wurde 1928/29 erbaut,

1937/38 erweiteıt und bis in die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts als Teil einer

Büromaschinenfabrik genutzt. Nachdem die Bausubstanz in der DDR verschlissen wurde,

haben es nach 1990 private Investoren denkmalgerecht saniert und anschließend als

Bürogebäude an den Freistaat vermietet.

Ein lebendiges Denkmal der Industriegeschichte war das Gebäude also schon, bevor sich die

Bürgerschaftliche Initiative „Historischer Atlas Sachsen 1933 - 1945“ vor mehr als einem Jahr

an uns wandte.

Ab heute werden wir unser Dienstgebäude jedoch mit anderen Augen sehen. Die Gedenktafel

soll an all die Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge und deportierten Zivilisten erinnern, die in der

Zeit des Nationalsozialismus zwischen 1939 und 1945 in den Astra-Werken Chemnitz für die

deutsche Rüstungsindustrie Zwangsarbeit leisten mussten. Wem von uns war dieser Teil der

Geschichte vor diesem Kontakt bewusst? Wer von den hier Beschäftigten wusste, dass -

vielleicht am Ort seines Büros - vor mehr als 70 Jahren Zwangsarbeiter für die deutsche

Rüstungsindustrie ausgebeutet wurden?

Die Gedenktafel für diese Opfer des NS-Regimes eröffnet für uns eine neue Dimension des

Geschichtsbewusstseins in Bezug auf unser Haus. Deshalb haben wir die Initiative von Anfang

an unterstützt. Das Wissen um die Geschichte und die Menschen dieses Ortes ist auch ein

persönlicher Erkenntnisgewinn für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner Behörde. Die

Erinnerung an das, was vor einem Dreivierteljahrhundert hier am Ort unserer heutigen Arbeit

geschehen ist, wird die Notwendigkeit und den Sinn einer demokratisch legitimierten

Verwaltung in einer rechtsstaatlichen Ordnung immer wieder in unser Gedächtnis rufen.

Die Einweihung der Gedenktafel ist deshalb auch für die Landesdirektion Sachsen ein

besonderer Moment. Die Tafel soll ein „Stolperstein“ sein, wo man kurz stehen bleibt und

innehält. Ein Denkmal, das für einen Augenblick dasselbe auslöst, wie die großen Mahnmale:

Geschichte wird in die Gegenwart geholt, um sich ihrer Lehren zu erinnern. Und dieser Teil der

Geschichte darf sich niemals wiederholen, weder hier, noch anderswo.

Ehrengäste der Gedenkveranstaltung am 13. April 2018 im Foyer der LDS

Enthüllung der Gedenktafel durch die Vize-Präsidentin des Landtages Sachsen, Frau Andrea Dombois und dem Vorsitzenden der VVN-BdA Chemnitz, Enrico Hilbert.

 

Chemnitz, Altchemnitzer Str.41. 13. April 2018

Enthüllung der Gedenktafel, v.l. n. r. Enrico Hilbert, Vorsitzender VVN-BdA  Chemnitz; Andrea Dombois, Vizepräsidentin des Landtages Sachsen; Dietrich Gökelmann, Präsident der Landesdirektion Sachsen

Freie Presse vom 14.April 2018, Ausgabe Stadt Chemnitz

Bei der Enthüllung der Gedenktafel waren u.a. dabei:

Frau Andrea Dombois, Dietrich Gökelmann, Enrico Hilbert, Dr. Hans Brenner, Justin Sonder, Susanne Schaper,  Siegmund Rotstein, Dr. Klaus-Dieter Müller, Marga Simon (v l-r)

Die musikalische Umrahmung gestaltete das Trio QUIJOTE.

 

 

ZUM GEDENKEN

 

AN DIE RUND 1600 SOWJETISCHEN KRIEGSGEFANGENEN,

 

KZ-HÄFTLINGE UND DEPORTIERTEN ZIVILISTEN, DIE IN DER ZEIT DES NATIONALSOZIALISMUS

 

ZWISCHEN 1939 UND 1945 IN DEN ASTRA-WERKEN CHEMNITZ

 

FÜR DIE DEUTSCHE RÜSTUNGSINDUSTRIE

 

ZWANGSARBEIT LEISTEN MUSSTEN.

 

IHR ALLTAG WAR GEPRÄGT VON UNTERERNÄHRUNG, KRANKHEITEN,

 

KÖRPERLICHER GEWALT UND STÄNDIGER TODESANGST.

 

BIS ZUM ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGS KAMEN HIER ZAHLREICHE

 

ZWANGSARBEITERINNEN UND ZWANGSARBEITER UMS LEBEN.

 

VON OKTOBER 1944 BIS APRIL 1945 BETRIEB DIE SS IM WERK

 

EIN AUSSENLAGER DES KZ FLOSSENBÜRG MIT MEHR ALS

 

500 FRAUEN UND MÄDCHEN.

 

Gedenktafel am Eingang Altchemnitzer Str.41, Chemnitz

(am 13. April 2018 enthüllt)

Am 04. Juli 2018 wurde im Foyer der Landesdirektion Sachsen eine ständige Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit in den Astra-Werken AG übergeben. Die Finanzierung der Gestaltung dieser Ausstellung erfolgte durch die Stiftung Sächsische Gedenkstätten und der VVN-BdA, Chemnitz. Die Vitrine wurde von der Landesdirektion Sachsen dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.